Ellen Allien & Apparat - Orchestra Of Bubbles
11.486 Produkte auf 25.000 Quadratmetern Verkaufsfläche, 10 Minuten bis nach Hause, ein paar Treppenstufen bis nach oben in die Wohnung - und da steht es, das Paket mit dem neuen Ikea-Regal fürs Wohnzimmer. Mal sehen, was wir hier so haben: ein paar Bretter, vier Balken, Metallkram... fehlt da nicht der Imbusschlüssel? ... Nein, alles da. Wunderbar. Dann kann's ja losgehen. Etwas später steht das neue Möbel und sieht genau so aus wie im Kaufhaus. Super.
Ebenfalls nur 10 Minuten fährt man von Ellen Alliens Labelquartier namens BPitch Control in Berlin Mitte zu Native Instruments, der Software Company in der Schlesischen Straße. Dort heißt der Verkaufsschlager nicht Billy oder Leksvik, sondern Reaktor: ein Software-Monstrum, das den User so tief in die Klangsynthese eintauchen lässt wie nie zuvor. 'Entdecke die Möglichkeiten' als Slogan wäre hier mindestens genauso passend, und dem stehen wie beim skandinavischen Möbelriesen ein verhältnismäßig niedriger Preis und dank Tausenden von vorgestalteten Klängen ein Minimum an Aufwand gegenüber. Schöne neue Welt.
Je mehr Menschen in den Genuss von billigen, schnellen und leistungsfähigen Produktionsmitteln kommen, umso akuter wird die Frage nach künstlerischer Distinktion. Denn nun kommt der Haken: Ellen und Saschas Tracks, ob sie nun dem Reaktor oder welcher Software auch immer entspringen, klingen genau so, wie es diese Tools prädestinieren. Ikea-Regale erkennt man schließlich auch auf den ersten Blick. Es ist die kühle, puristische, perfektionistische Handschrift dieser virtuellen Instrumente, die den Sound der Platte maßgeblich beeinflusst, ungünstig unterstützt von der minimalen Arbeitsweise der Künstler. Stilistisch dringt das Album in die Breite, verharrt klanglich jedoch auf dem Laptop. Sicher, hier und da, beispielsweise mit Apparats gehauchtem Gesang auf 'Leave Me Alone' kommt richtig Wärme in die Bude - andererseits erscheint es dann wiederum absurd, Digitales mit Digitalem bekämpfen zu wollen und auf 'Edison' Pseudo-Orientalik zu verbreiten. Und die punktuell eingesetzten Celli aus der Samplekonserve auf 'Retina' scheinen ebenfalls nur den Albumtitel rechtfertigen zu wollen.
Es ist traurig, dass ein solches Album mit einem solchen Schönheitsfehler leben muss, denn die Kompositionen sind solide und die Ideenpalette ist bunt. Neben knusprigen Minimaltracks wie 'Floating Points' gibt es in 'Metric' einen Dubstepper erster Güte zu entdecken, 'Do Not Break' dagegen könnte mit seinen Melodien aus blühendsten Ravezeiten stammen, daher vielleicht auch der melancholische Touch in den zerhackten Vocals. Lediglich der individuelle, persönliche Anspruch, den ein schillernder Stern am Elektropophimmel wie Ellen Allien erhebt, verblasst bedrohlich angesichts des Laptopsounds, leider. Vielleicht wäre sie doch besser zu Obi gegangen.

