Camille - Le Fil (2005)
Um mehrstündige Werke wie Hörbücher oder Bachs Wohltemperiertes Klavier zu veröffentlichen, benötigt man auch heute noch mehr als nur einen Tonträger. Die vor etwa einhundert Jahren üblichen Schellackplatten verfügten über eine wesentlich kürzere Spieldauer als die CD, und so stapelten sich die Scheiben pro Werk schnell bis zu einem Dutzend auf. Diese konnte man handlich gebunden in einer Mappe kaufen - entweder aus Pappe, oder auch in der edlen Ledervariante. Deren Ähnlichkeit zum Fotoalbum verlieh dem "Langspieler" seinen längst geläufigen Namen: das Album. Während viele Künstler diese Metapher allzu wörtlich nehmen und das Album als loses Sammelsurium von Ideen verstehen, führt Camille den Begriff wieder zum narrativ-epischen Ursprung zurück. 'Le Fil' ist keine Kompilation, es ist eine Komposition im klassischen Sinne. Denn es ist mehr als die Summe seiner Teile.
Camille leidet, frohlockt, verspottet, verdammt, meditiert, nimmt uns auf eine Reise zu sich selbst mit. Und vor allem singt sie: Hymnen, Walzer, Weisen, Gospels, Chansons und Spirituals. Nur spärlich werden die Vocals begleitet, von einem Bass, von dezenten Synthesizern und Bläsern, den Rest erledigt sie selbst. Mit ihrer Stimme, ihren Händen. Sie klingt so direkt und nackt bis auf die Haut, dass man ihr einfach alles abkauft. Zwischen gutgelaunten Accapellas, kurzen Skits und ambitionierten Choralgebilden stellen die todesnahe Ballade 'Pour que l'amour me quitte' und das apokalyptische 'Pâle septembre' die dramatischen Höhepunkte ihres Spannungsbogens dar.






Was für eine abgelutschte Kiste, wenn ich den ersten Review in meinem Blog beginne mit den Worten: "Coldcut sind erwachsen geworden". Ist aber so. Jedenfalls habe ich sie bisher unterschätzt, das gebe ich zu, waren sie doch in meinen Augen immer ein bißchen zu albern und zu speziell, um es zu so einem großen Album zu bringen, das fast schon poppig daherkommt und auch den Hörer anspricht, der mit dem Label Ninja Tune sonst nicht so viel anfangen kann.
