Klangkritik.de

Rezensionen aus den Bereichen Elektronik, Funk, Soul, Jazz, RnB, House, Drum&Bass und Pop

Saturday, November 24, 2007

Camille - Le Fil (2005)


Um mehrstündige Werke wie Hörbücher oder Bachs Wohltemperiertes Klavier zu veröffentlichen, benötigt man auch heute noch mehr als nur einen Tonträger. Die vor etwa einhundert Jahren üblichen Schellackplatten verfügten über eine wesentlich kürzere Spieldauer als die CD, und so stapelten sich die Scheiben pro Werk schnell bis zu einem Dutzend auf. Diese konnte man handlich gebunden in einer Mappe kaufen - entweder aus Pappe, oder auch in der edlen Ledervariante. Deren Ähnlichkeit zum Fotoalbum verlieh dem "Langspieler" seinen längst geläufigen Namen: das Album.

Während viele Künstler diese Metapher allzu wörtlich nehmen und das Album als loses Sammelsurium von Ideen verstehen, führt Camille den Begriff wieder zum narrativ-epischen Ursprung zurück. 'Le Fil' ist keine Kompilation, es ist eine Komposition im klassischen Sinne. Denn es ist mehr als die Summe seiner Teile.

Camille leidet, frohlockt, verspottet, verdammt, meditiert, nimmt uns auf eine Reise zu sich selbst mit. Und vor allem singt sie: Hymnen, Walzer, Weisen, Gospels, Chansons und Spirituals. Nur spärlich werden die Vocals begleitet, von einem Bass, von dezenten Synthesizern und Bläsern, den Rest erledigt sie selbst. Mit ihrer Stimme, ihren Händen. Sie klingt so direkt und nackt bis auf die Haut, dass man ihr einfach alles abkauft. Zwischen gutgelaunten Accapellas, kurzen Skits und ambitionierten Choralgebilden stellen die todesnahe Ballade 'Pour que l'amour me quitte' und das apokalyptische 'Pâle septembre' die dramatischen Höhepunkte ihres Spannungsbogens dar.

Doch nicht nur Individualität und Drama erzeugen auf 'Le Fil' (Der Faden) einen kohärenten Fluss. Aus einem summenden Dauerton wird das Album geradezu gesponnen. Ihm scheinen alle Intervalle, alle Harmonien zu entspringen, nur um zwischen den Songs wieder alleine dazustehen und auf sich selbst als Substanz der Musik zu referieren. Der Faden wiederum als Substanz der Kleidung verweist auf archaisch weibliche Tätigkeiten. Camille webt musikalische Strukturen, sie flickt ihre Songs aneinander, vereint sie - und spinnt sich ihre phantastischen Klänge zusammen, mal aus tonnenschwerer Wolle, mal aus federleichtem Flachs. Camilles kunstvoll-feminine Erzählungen sind selbst für Nicht-Frankophone ein Genuss.

Und keine einzige gibt es als Single zu kaufen.

Saturday, June 23, 2007

Fortsetzung folgt...






Hier ist es ziemlich ruhig geworden. Das hat auch einen Grund: in unregelmäßigen Abständen "blogge" ich seit einiger Zeit Rezensionen und feuilletonistische Beiträge bei der Tageszeitung Freie Presse - meist freitags und natürlich in etwas formalerem Ton. Außerdem erscheinen ab und zu Artikel im Chemnitzer Stadtmagazin Stadtstreicher. Was aber nicht heisst, dass die Klangkritik einschlafen soll. Wenn die Zeit reicht, wird es hier weiterhin Texte geben.

Saturday, April 22, 2006

Ellen Allien & Apparat - Orchestra Of Bubbles

11.486 Produkte auf 25.000 Quadratmetern Verkaufsfläche, 10 Minuten bis nach Hause, ein paar Treppenstufen bis nach oben in die Wohnung - und da steht es, das Paket mit dem neuen Ikea-Regal fürs Wohnzimmer. Mal sehen, was wir hier so haben: ein paar Bretter, vier Balken, Metallkram... fehlt da nicht der Imbusschlüssel? ... Nein, alles da. Wunderbar. Dann kann's ja losgehen. Etwas später steht das neue Möbel und sieht genau so aus wie im Kaufhaus. Super.

Ebenfalls nur 10 Minuten fährt man von Ellen Alliens Labelquartier namens BPitch Control in Berlin Mitte zu Native Instruments, der Software Company in der Schlesischen Straße. Dort heißt der Verkaufsschlager nicht Billy oder Leksvik, sondern Reaktor: ein Software-Monstrum, das den User so tief in die Klangsynthese eintauchen lässt wie nie zuvor. 'Entdecke die Möglichkeiten' als Slogan wäre hier mindestens genauso passend, und dem stehen wie beim skandinavischen Möbelriesen ein verhältnismäßig niedriger Preis und dank Tausenden von vorgestalteten Klängen ein Minimum an Aufwand gegenüber. Schöne neue Welt.

Je mehr Menschen in den Genuss von billigen, schnellen und leistungsfähigen Produktionsmitteln kommen, umso akuter wird die Frage nach künstlerischer Distinktion. Denn nun kommt der Haken: Ellen und Saschas Tracks, ob sie nun dem Reaktor oder welcher Software auch immer entspringen, klingen genau so, wie es diese Tools prädestinieren. Ikea-Regale erkennt man schließlich auch auf den ersten Blick. Es ist die kühle, puristische, perfektionistische Handschrift dieser virtuellen Instrumente, die den Sound der Platte maßgeblich beeinflusst, ungünstig unterstützt von der minimalen Arbeitsweise der Künstler. Stilistisch dringt das Album in die Breite, verharrt klanglich jedoch auf dem Laptop. Sicher, hier und da, beispielsweise mit Apparats gehauchtem Gesang auf 'Leave Me Alone' kommt richtig Wärme in die Bude - andererseits erscheint es dann wiederum absurd, Digitales mit Digitalem bekämpfen zu wollen und auf 'Edison' Pseudo-Orientalik zu verbreiten. Und die punktuell eingesetzten Celli aus der Samplekonserve auf 'Retina' scheinen ebenfalls nur den Albumtitel rechtfertigen zu wollen.

Es ist traurig, dass ein solches Album mit einem solchen Schönheitsfehler leben muss, denn die Kompositionen sind solide und die Ideenpalette ist bunt. Neben knusprigen Minimaltracks wie 'Floating Points' gibt es in 'Metric' einen Dubstepper erster Güte zu entdecken, 'Do Not Break' dagegen könnte mit seinen Melodien aus blühendsten Ravezeiten stammen, daher vielleicht auch der melancholische Touch in den zerhackten Vocals. Lediglich der individuelle, persönliche Anspruch, den ein schillernder Stern am Elektropophimmel wie Ellen Allien erhebt, verblasst bedrohlich angesichts des Laptopsounds, leider. Vielleicht wäre sie doch besser zu Obi gegangen.

Thursday, February 23, 2006

Curse - Sinnflut

'Ihr wollt mir sagen, gib den Leuten doch das, was sie wollen, doch ich hab immer das, was sie brauchen gemacht' ('Gegengift') - ah yeah, ein pädagogischer Anspruch! Als Rapper, Labelchef und Vater belädt sich Curse gerne schwer mit Erziehungsaufträgen. Kids, nehmt die Gangsta nicht so ernst, Kids, denkt an die Gummis, Kids, 'es ist nicht cool im Knast zu sein, ich kenn' keinen, der sagt, wie geil, da muss ich noch mal rein' ('Gangsta Rap'). Weil die Grenze zwischen den Kleinen und den Größeren, denen die Baggypants schon ein wenig enger sitzen, gar nicht so leicht auszumachen ist, lässt Curse auch seit Jahren nicht locker, soziale Probleme aufzuzeigen und das zu predigen, was der Gesellschaft so richtig gut täte: mehr Liebe.

HipHop jedenfalls tut gut daran, den eigenen Background zwar zu kennen und zu schätzen, aber ihn nicht gegen den Strich zu bürsten - Rapmusik ist ein urwüchsiges Phänomen, dem es a priori widerstrebt, wenn Wohlstandskinder plötzlich das Ghetto preisen. Curse kämpft gegen eine einseitige Akzentuierung in der Musik, welche so weit geht, dass die Straße künstlich produziert und die farbenfrohe HipHop-Welt reduziert wird auf Battlen, Dissen und Kiffen. Auch er redet von Kriminalität, Armut und Drogen, manchmal sogar so viel, dass Betroffenheitslyrik und Sozialporno in der 'Sinnflut' ein wenig über die Ufer treten. Dafür aber tut er das, was HipHop vor allem leisten sollte, nämlich Wege aufzeigen und Kraft spenden.

Dass Rap Soulmusik ist, zeigt sich auch an den Arrangements, größtenteils produziert von Claud und Busy, dem Beatpersonal bei 'Alles Real Records'. Soundtrackartige Samples mit wärmenden Streichern, dicken Bässen und viel Klavier begleiten Curse bei seinen sanfteren Ausflügen. Wunderbar kickende Minimalitäten tun sich im Track 'Flutlicht' auf, lediglich bestehend aus Beat, Kontrabass und Querflöte. Dick wie ein Panzer rollt 'Gangsta Rap', schaurigtraurig wiederum gibt sich ein Stück namens '24', ein meisterhaftes Zusammenspiel von apokalyptischen Chören, knackigen Drums und einer dramatischen Erzählung, welche die Minuten und Sekunden einer ungeschützten Liebesnacht mit dem Wert des Lebens aufrechnet.

Leidenschaftliche Stories wie diese, und so liebevolle Gesten wie die 'Münze des Glücks' zu werfen, machen Curse so menschlich in einer Szene voller Maskeraden, zu einem philosophischen Alltagshelden und herzigen Schwiegermuttertraum. Seinen Erziehungsauftrag für den Schulhof erfüllt er ganz nebenbei, und ist dabei auch noch so cool, dass immer noch Zeit für bestes Rap-Entertainment bleibt. Word.

Tuesday, February 21, 2006

... ein Zitat zwischendurch ...



"Über Musik reden ist wie zu Architektur tanzen." (Frank Zappa)


Stimmt schon irgendwie. Aber trotzdem - Johnny vom Spreeblick macht's Euch vor - ein bißchen regere Beteiligung per Comment wäre sehr nett! Coming up die nächsten Tage: Curse - Sinnflut (ja, schon wieder HipHop) und Camille - Le Fil, zwei fantastische Platten, über die es viel zu tanzen, äh, zu sagen gibt.

Friday, January 27, 2006

Black Eyed Peas - Monkey Business

Man wird bei den Black Eyed Peas den Eindruck der gecasteten Band einfach nicht los: die weiße Powerfrau, der Indio-Exot, und die zwei coolen schwarzen Rootsmänner - super, Multikulti verkauft sich gut. Weit gefehlt, würde man es da vom Management schimpfen hören, denn immer wieder beruft man sich auf den Westcoast-Background der Band, schließlich haben ihnen Bone Thugs'N'Harmony anno 1994 die Veröffentlichung auf dem Kultlabel 'Ruthless' vor der Nase weggeschnappt. 1998 dann das erste Album auf Interscope, einem großen amerikanischen Major.

Woher also diese seltsame Diskrepanz zwischen Roots und Charts? Was ist hier authentisch und was nicht? Und vor allem: wen interessiert das heutzutage noch? Die Künstler selbst jedenfalls nicht, denn die haben sich 'Erfolg um jeden Preis' auf die Fahne geschrieben bzw. von der Industrie diktieren lassen. Ist diese Biegsamkeit, dieser Affentanz mit Medien und Produzenten gemeint, wenn die Black Eyed Peas ihre vierte Platte als 'Monkey Business' titulieren?

Vorliegendes Album ist so sauber produziert und rundgelutscht, dass der Effekt aller Blackness und Realness sofort wie schwarze Rauchschwaden in der Luft verpufft und 'verpoppt'. Der Sound ist kontrolliert und kühl, die Arrangements altbewährte Formeln, der Shuffle im Computer auf die Milisekunde genau berechnet. Und die Coolness ist mit dem Pulp-Fiction-Sample, das seit Jahren schon keiner mehr hören mag, bereits in den ersten Sekunden der Platte vertan.

Ein bißchen Szenetreue muß man den schwarzäugigen Erbsen dennoch zugestehen, denn trotz ihrem chartskompatiblen Singsang über Frieden und die Veränderung der Welt sind sie sich nicht zu schade, das althergebrachte Frauenbild des HipHop zu transportieren. Zunächst versucht 'My Humps' wie eine kleine feministische Revolution auszusehen: Fergie, die bereits erwähnte Powertussi, schüttelt ihre Kurven und dreht das Pimp-Klischee frech zu ihrem Vorteil um, da sie von den zahlenden Herren mit Drinks, 'Icies' (Diamanten) und der neuesten Mode ausgestattet wird. Nicht unsympathisch zunächst. Aus den zeilen 'I say no, but they keep givin’ / So I keep on takin’' liest sich dann jedoch das Kapitulieren vor den herrschenden Regeln heraus. Das Spiel wird blind mitgespielt, was dann in der Warnung gipfelt: 'You can look but you can’t touch it / If you touch it I'ma start some drama' - das Zicken als letztes Aufbäumen von femininer Macht. Seit Missy Elliot oder MIA wissen wir, wie kraftvoll und gewitzt weiblicher HipHop sein kann, die Peas tauschen jedoch lediglich die Sicht von männlich nach weiblich, ohne am Grundtenor zu operieren und rutschen auf der blitzblank gebohnerten Pimpoberfläche aus. Aber wenigstens diesen Gefallen haben sie ihnen getan, den guten, alten Homies von damals, an der Westcoast.

Wednesday, January 11, 2006

Coldcut - Sound Mirrors

Was für eine abgelutschte Kiste, wenn ich den ersten Review in meinem Blog beginne mit den Worten: "Coldcut sind erwachsen geworden". Ist aber so. Jedenfalls habe ich sie bisher unterschätzt, das gebe ich zu, waren sie doch in meinen Augen immer ein bißchen zu albern und zu speziell, um es zu so einem großen Album zu bringen, das fast schon poppig daherkommt und auch den Hörer anspricht, der mit dem Label Ninja Tune sonst nicht so viel anfangen kann.

Immerhin: Die Themen sind die gleichen geblieben. Es geht um Politik, Ungerechtigkeit, Armut, Ökologie - brandaktuelle Sujets also, die Coldcut bereits vor acht Jahren auf 'Let Us Play' augenzwinkernd vom Kinderzimmer aus bearbeiteten. Heute braucht man aber keine hart gesampelte Sechszehntel-Kettensäge mehr, die den Beat ebenso wie den Regenwald zerschreddert. Diesmal scheint der Fokus auf Lyrics zu liegen. Und da wurde auch nicht an Gastvokalisten gespart. Ob männlich, weiblich, gesungen, gerappt, gesprochen, geflüstert, gehaucht, prosaisch erzählt oder plakativ geschrien, auf diesem Album ersetzt das Wort die gesampelte Geste.

Und unten drunter brennen die Beats. Der Opener 'Everything Is Under Control' holt erst mal die große Rock-Walze raus, 'Just For The Kick' und 'This Island Earth' lassen den britischen Rave auferstehen und atmen ganz tief Clubluft ein, 'Boogieman' und 'True Skool' arbeiten sich gekonnt an Ragga ab. Vor allem aber fehlen natürlich auch die Ninja-Tune-typischen, soundverliebten Downtempo-Nummern nicht. Da wird mit ruhiger Stimme und herzzereißenden Streichern auf den gescheiterten Businessman 'Mister Nichols' eingeredet, sich herumzudrehen und nicht aus dem 12. Stock zu springen, um das echte Leben jenseits des Kapitalwahns kennenzulernen, packend vorgetragen von Saul Williams. Studiogast Robert Owens wiederum kämpft mit allem verfügbaren Soul auf 'Walk A Mile In My Shoes' gegen Überheblichkeit und Vorurteile. Diese Platte bietet einen überraschenden, wundervollen Tiefgang, da ist auch der Titeltrack mit seinen filigranen Mikrosounds aus dem Laptop und Makrogefühl aus dem Orchestergraben keine Ausnahme.

Insgesamt unterhält 'Sound Mirrors' bis zur letzten Sekunde und bietet Musik für jede Lebenslage und - so schlimm das auch klingt - für jeden Geschmack. Eine schöne Überraschung im noch recht frischen Musikjahr 2006.

Willkommen bei Klangkritik.de

In diesem Blog werde ich unregelmässig Neuerscheinungen in den Bereichen Elektronik, Funk, Soul, Jazz, RnB, House, Drum&Bass und Pop besprechen. Ich wünsche viel Spaß und freue mich auf Kommentare.